Es ist eine bewegte Gemeinde, die sich zum Gottesdienstbeginn unter den Klängen der Orgel zum gemeinsamen Gesang des Liedes „Lobe den Herren, den mächtigen König der Erden“ (NGB 261) erhebt.
In seinem Eingangsgebet fasst der Gemeindevorsteher, Evangelist Andreas Fischer, diese unterschiedlichen Emotionen zusammen, als er sowohl die Dankbarkeit und das Loben anlässlich des besonderen Ehejubiläums erwähnt, als auch die Tatsache, dass am Tag zuvor eine betagte Glaubensschwester mitten aus der Gemeinde herausgelöst wurde und in die Ewigkeit gezogen ist. Auch der Anschlag auf den Christopher-Street-Day im nahegelegenen Berlin, der am Tag zuvor verübt wurde und der viel Leid und Schmerz verursacht hat, findet seine fürbittende Erwähnung.
Später im Gottesdienst wird der Evangelist auf diese Aufzählung zurückkommen und die Frage in den Raum stellen, ob es überhaupt angebracht sein kann, unter diesen unterschiedlichen Verhältnissen einen Lobgesang anzustimmen. Die Antwort ist: Ja, das kann und muss sein! Denn wer nur loben kann, wenn alles perfekt ist, wenn alles stimmt und Freude ohne Eintrübung ist, der wird nie zum Loben kommen. Wir können loben, weil wir mit all unseren Empfindungen und Lebensrealitäten zu Gott kommen dürfen, der uns zuruft: Ich bin für dich da!
Der Gottesdienst steht, wie bereits in den letzten Wochen, unter dem Gedanken eines Teilaspekts des „Unser Vater“. Der Fokus liegt diesmal auf dem Gedanken „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ (vgl. Matthäus 6, 12).
Glaube bedeutet Herausforderung, erläutert Evangelist Andreas Fischer in seiner Predigt und verweist darauf, dass Jesus nicht nur für ein gutes Bauchgefühl steht, sondern auch für Aussagen, die uns betreffen und uns vielleicht auch betroffen machen können, weil sie nicht unseren Vorstellungen entsprechen. Allein einige Aussagen im Zusammenhang mit der Bergpredigt würden schon zu konkreten Verhaltensweisen auffordern, die nicht in der Komfortzone stattfinden. Im „Unser Vater“ hat Jesus Christus auf die wesentlichen und notwendigen Aspekte eines Gesprächs mit Gott verwiesen. „Kompakt, aber umfassend“, so bezeichnet es der Gemeindeleiter. Und das beginnt bereits bei der Anrede im „Unser Vater“: „Die Anrede ist Beziehung pur – „Unser Vater“ zu sagen bedeutet ein Naheverhältnis zu unserem Gott bewusst zu machen. Kein kompliziertes Gott-Mensch-Verhältnis, das von Distanz, furchteinflößenden Respekt und Unterordnung geprägt ist, sondern Liebe, Vertrauen und Verbindung. Jesus Christus sagt uns: Du darfst ihn Vater nennen!“
Dann war es Jesus Christus ein besonderes Anliegen, dass das Verzeihen in den Blick genommen wird, wenn wir mit Gott sprechen. „Vergib mir, wie ich vergebe“. Evangelist Andreas Fischer spricht davon, dass Jesus hier einen Gott zeigt, der vergeben möchte, weil er ein liebender Gott ist und kein strafender. „Mir ist bewusst, dass mancher jetzt sagt, dass ein Blick ins Alte Testament einen anderen Eindruck vermitteln könnte“, so Evangelist Fischer weiter, „denn in manchen Bibelübersetzungen kommt dort viele Male das Wort ‚Strafe‘ vor, wenn es um Gottes Handeln geht. Aber wenn man sich die Urfassung der alten Schriften ansieht, stellt man fest, dass es eigentlich verschiedene Begriffe sind, die im Deutschen mit dem Übersetzungsbegriff „Strafe“ gleich gemacht werden.“ Den Begriff der Strafe, wie wir sie kennen, kenne die Urfassung der alten Schriften gar nicht. Vielmehr wäre dort der Begriff der „Tatfolge“ als korrektere Übersetzung anzusehen. Der Gemeindevorsteher führt als Beispiel die Geschichte von Kain und Abel an. Nachdem Kain seinen Bruder erschlagen hat, wird er von Gott zur Rechenschaft gezogen: „Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.“ (vgl. 1. Mose 4, aus 12), so übersetzt Luther und man könnte diese Aussage als Bestrafung Gottes wahrnehmen. In anderen Übersetzungen, so der Gemeindeevangelist weiter, wird der Satz mit „Unstet und flüchtig wirst du sein auf Erden.“ übersetzt. „Und hier klingt mit, dass es sich mitnichten um eine Strafe handelt, die Gott ausspricht, sondern um eine Konsequenz, die sich aus dem Handelns Kains ergibt. Wer jemanden umbringt, der wird dieses nicht mehr los, der Mensch kommt nicht mehr zur Ruhe. Dies ist nicht Strafe Gottes, sondern Tatfolge menschlicher Sünde.“
Und so ist es mit jeder Sünde. Sie trennt von Gott, nicht etwa, weil Gott sich vom Menschen entfernt, sondern weil der Mensch sich von Gott entfernt. „Der Tod ist der Sünde Sold“ (vgl. Römer 6, aus 23), ist somit nicht Teil einer göttlichen Strafe für unsere Sündhaftigkeit, sondern eine (Tat-)Folge unseres Handelns. Aber Gott will die Distanz zwischen sich und den Menschen nicht, deshalb wünscht er sich Vergebung für die Menschen. Die Bitte im „Unser Vater“ verdeutlicht uns, dass wir zu Gott kommen und um Vergebung bitten können, er wird es gerne tun, er liebt jeden Menschen und wünscht sich eine Beziehung zu ihm oder ihr.
Diese Vergebung ist Gnade, und wir können keinen Anspruch darauf geltend machen, so Evangelist Fischer weiter. Aber wir können Gott zeigen, dass wir dies verstanden haben, indem wir unser Verhalten gegenüber demjenigen, der sich an uns versündigt hat, an Gottes Verhalten anpassen. „Wenn Gott mir vergibt und meinem Nächsten auch, wie kann ich dann meinen Anspruch gegenüber meinem Nächsten aufrechterhalten?“ fragt der Gemeindeleiter die versammelte Gemeinde und erwähnt in diesem Zusammenhang das Gleichnis vom Schalksknecht (vgl. Matthäus 18, 21-35).
„Gott vergibt so viel mehr, mehr als du dir vorstellen kannst, und er erwartet, dass du deinen Teil tust und auch vergibst. Und denke nicht, du tust dem Nächsten einen Gefallen, wenn du ihm vergibst. In erster Linie tust du dir selbst einen Gefallen, denn du gibst auf, was deine Seele beschwert: Vorwürfe, ungute Gedanken - und öffnest die Tür zum Frieden. Wenn es dir schwerfällt, dann bitte doch Gott um die Kraft, dem Nächsten vergeben zu können.“
Vergebung bedeutet nicht, dass das Vergebene gar nicht so schlimm gewesen ist, denn die Tatfolge einer Sünde bleibt ja bestehen. Vielleicht ist dabei etwas irreparabel in uns kaputt gegangen und es bleibt auch zerstört, wenn man demjenigen vergeben hat, der es zerstört hat. Vergeben heißt nicht, dass alles wieder so ist oder sein müsste wie vorher. „Wir übergeben unsere Wut und Enttäuschung, unseren Ärger und unser Gefühl, es dem anderen heimzahlen zu wollen, unserem Gott – das ist Vergebung!“, so Evangelist Andreas Fischer zum Abschluss seiner Predigt.
In seinem Predigtbeitrag erinnert Priester Peter Hahne daran, dass eine Ehe ohne Vergebungsbereitschaft nicht halten kann und an das Rubinhochzeitspaar gewandt: „Ihr habt es uns vorgemacht, wie man mithilfe von Vergebungsbereitschaft die Herausforderungen eines gemeinsamen Lebenswegs meistern kann.“
Das „Unser Vater“ spricht im Zusammenhang mit der Vergebung nur von einem Verhältnis zwischen Gott und mir. Derjenige, der sich an mir versündigt hat, kommt dort nicht vor. „Kannst du verzeihen, ohne dass derjenige, der sich schuldig gemacht hat, es bereut oder um Verzeihung bittet?“
Nach dem gemeinsamen Gebet des Unser Vaters, der Sündenvergebung und der Feier des heiligen Abendmahls bittet der Gemeindevorsteher das Jubelpaar dann nach vorne an den Altar. Der Chor begleitet sie dabei mit einem Loblied, in dem das Staunen über die wunderbare Begleitung und Liebe Gottes besungen wird.
„Der Moment, in dem wir jetzt hier vor Gott stehen, gehört mit Sicherheit zu einem der schönsten Momente, die ich als Gemeindevorsteher bis hierhin erleben durfte,“ eröffnet der Evangelist seine Ansprache an Kerstin und Dirk. „Ihr wisst, wie man lobt, auch wenn nicht alles rund ist im Leben, ihr kennt beide Seiten, die perfekten Momente des Daseins und die Momente, die man niemandem wünscht. Wenn man mit euch über euer Leben spricht, dann kann man an einem Abend lachen und weinen zugleich. Aber trotzdem steht ihr heute nur mit Dank vor Gott für die gemeinsame Zeit.“ In den Höhen und Tiefen des Lebens haben die beiden Gott mit ins Leben genommen und ihm alles anvertraut. Der neue Segen zum Ehejubiläum ist kein Auffrischungssegen, weil sich der alte verbraucht habe oder verzehrt worden wäre, sondern es geht mit etwas Neuem weiter.
Danach geht der Evangelist auf den gemeinsamen Weg der beiden ein, der bereits viel früher begonnen habe, als die Ehe es tat. Schon einige Jahre zuvor habe Kerstin ihren Dirk für sich entdeckt und viel Mühe investiert, um in einer Zeit, in der eine Kontaktaufnahme nicht so einfach war wie heute, für Begegnung zu sorgen. „Und wieder einmal war es, wie bei so vielen anderen Paaren auch, der Schulchor, der den Boden dafür bereitet hat. Und ich dachte früher immer, dass es dort um das Singen gehen würde“, fügt der Evangelist schmunzelnd hinzu. Der gemeinsame Lebensweg habe den beiden Kinder und Enkelkinder geschenkt, nicht immer ohne Sorgen, aber immer mit Dankbarkeit. „Ihr habt alles gemeinsam gemeistert, hättet ihr das nicht getan, stünden wir heute nicht hier.“ Als besonderen Gedanken legt der Gemeindevorsteher dem Jubelpaar den Bibeltext aus Psalm 103, 2 ans Herz: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“. „Ich weiß, dass ihr das bereits umsetzt, bleibt bitte dabei.“, so Evangelist Andreas Fischer. Im Anschluss spendet er Kerstin und Dirk den Segen des Allerhöchsten zum Ehejubiläum. Der Gemeindechor schließt diese Handlung im Anschluss dann noch mit dem passenden Lied „Herr, Herr, wir danken dir“ ab.
Nach dem Schlussgebet und Schlusssegen beendet der Instrumentalkreis mit einem irischen Segensgruß das Gottesdienstgeschehen und eröffnet damit den Reigen der Gratulanten aus Familie, Freunde, Bekannten und Glaubensgeschwistern, die dem Jubelpaar ganz persönlich gratulieren wollen, während im Foyer der Kirche bereits das Buffet mit kleinen Snacks und Getränken geöffnet wird.
Wir gratulieren ebenfalls und wünschen unseren beiden von Herzen alles Gute für den weiteren Lebensweg.
Neuapostolische Kirche