Heute gedenken wir des Opfers unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Gottes Sohn, der Mensch geworden und uns Gott nahe gebracht und erklärt hat. Dem bewusst war, dass seine Aufgabe auch darin bestand, für die Sünden der Welt zu sterben um die Menschheit mit Gott zu versöhnen. Damals wie heute wird sein Opfer nicht von allen geschätzt und anerkannt. Noch immer wird er von vielen verhöhnt, verspottet und gedemütigt – wie damals!
Wäre Jesus Christus nur allein Mensch, würde er sein Opfer wohl schon längst bereuen, aber die Liebe Gottes, die in ihm lebt, ist größer als Zorn oder Enttäuschung in ihm werden könnten! Gott sei Dank!
Wäre Jesus Christus Mensch, hätte er seine Würde, seinen Auftrag, seine Macht und sein Opfer wohl ganz anders ausgelebt. Aber so war er nicht. Sein Weg führte ihn nicht in die Allmacht, die in seinem göttlichen Wesen vorhanden war, sondern in die Demut. Er sagte: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen!“ (Matthäus 11, 29)
Wenn wir nun Demut von ihm lernen wollen, was gehört denn da dazu? Wir geben dazu fünf Gedankenanstöße:
1. In der Erkenntnis der Wahrheit sein:
Demütige wissen immer, wer man vor Gott ist. Sie kennen und anerkennen den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf. Sie überheben sich nicht und machen Gott keine Vorschriften, wie er zu entscheiden hat. Sie verlassen ihn nicht, auch wenn sie ihn nicht immer verstehen und erklären können. Demütige kommen zu Gott wie sie sind, sie verstellen sich nicht, sondern zeigen sich mit Stärken und Schwächen – und sie kommen, um die Gnade, der sie bedürfen, zu empfangen, und nicht, um Recht zu bekommen.
2. Andere höher achten als sich selbst:
In unserer Zeit ist der Blick von vielen Menschen zunächst auf sich selbst gerichtet. Mein eigenes Wohl ist das wichtigste Wohl, meine Meinung die einzig richtige, meine Handlungen perfekt, und meine Urteile weise und gerecht. Selbstreflexion, Rücksicht, Bescheidenheit? – Nein Danke!
Paulus sieht für die, die sich zum Herrn bekennen, eine andere Musterbeschreibung des Wesens vor. Er schrieb schon damals an die Gemeinde zu Philippi: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Philipper 2, 3.4) Das Wohl der Anderen über den eigenen Vorteil zu stellen ist eine wunderbare Übung, um den Grad der eigenen Demut zu ermitteln. Können wir uns nicht Jesus Christus zum Vorbild nehmen, der in vollkommener Demut uns allen diente, nicht zuletzt mit seinem Tod am Kreuz? Niemand von uns muss für die Menschheit sein Leben opfern, aber könnte es nicht manchmal wenigstens dafür reichen, den Blick auch einmal mehr auf das Wohl des anderen zu richten?
3. Lernfähigkeit: Es gab eine Zeit, in der es Menschen gab, die das gesamte zu der Zeit verfügbare Wissen beherrschten. Gottfried Wilhelm Leibniz, ein deutscher Philosoph, Mathematiker, Physiker, Jurist, Historiker und politischer Berater gilt als der letzte so genannte Universalgelehrte seiner Zeit (er starb 1716). Seitdem gibt es niemanden mehr, der buchstäblich alles weiß. Zu wissen, dass man nicht alles weiß und nicht alles kann, führt zur Bereitschaft, von anderen zu lernen. Demut beinhaltet dieses Wissen und lässt Platz für Anerkennung und Bewunderung des Nächsten, der etwas kann, was ich nicht beherrsche. Dafür kann oder weiß ich etwas, von dem ein anderer profitieren kann.
Merken wir, welch ein Potential in der Möglichkeit, voneinander Gutes zu lernen, liegt? Da ist jemand, der ein liebes Wort für den Nächsten hat, der einen Blick für Notleidende hat, ein anderer kann sich von Herzen über das Glück anderer mitfreuen. Andere sind wunderbare Unterstützer für solche, die konkrete Hilfe benötigen; die Liste könnte beliebig ergänzt werden. Doch all dem ist der Gedanke inne: Wenn ich ohne Neid anerkennen kann, welche Gaben im Nächsten vorhanden sind, kann ich sie mir zu eigen machen und das Gute in der Welt vermehren. Das ist der Segen der Demut.
4. Dankbarkeit: Der Gedanke, dass man alles was man hat, sich selbst erarbeitet und somit verdient hat, ist weit verbreitet. Nicht selten verbindet sich diese Eigenschaft mit mitleidigen Blicken zu denen, die es nicht so weit geschafft haben. Nicht zu erkennen, dass wir alle nur einen begrenzten Einfluss auf unser Leben haben, auf das, was wir an Potential mitbekommen haben, auf das, was uns im Leben widerfährt, auf das, was Gott uns schenken möchte und welchen Weg er für uns vorsieht, heißt, den Großteil der Einflussfaktoren unseres Lebens auszublenden. Eine solche Haltung könnte zum Hochmut verleiten. Das eigene Leben hingegen als Geschenk sehen zu können, den Anteil anderer Menschen und Gottes an meiner Entwicklung, meinen Chancen und vielleicht sogar meines Erfolges zu sehen und Dankbarkeit zu entwickeln, ist hingegen eine Frucht der Demut. Nicht selten verleitet diese Demut sogar dazu, anderen wiederum selbst aus und in Dankbarkeit zu dienen. Wäre das nicht eine schöne Welt, in der diese Frucht eifrig weiterverteilt würde? Was hält uns auf, heute schon damit anzufangen?
5. Auf unser Vorbild Jesus schauen: In den Worten Jesu „Lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Matthäus 11, 29) kommt ein herausragendes Element des Wesens Jesu zum Ausdruck. Nicht zum Herrschen, sondern zum Dienen kam er in die Welt. An einer Stelle deutete er an, dass dies auch anders hätte sein können, als er davon sprach, dass Legionen von Engeln an seiner Seite stünden, wenn er dies wollen würde (vgl. Matthäus 26, 53). Doch dies ist nicht die Art, wie er gegenüber der Welt auftreten wollte. Trotzdem war er nicht schwach und hilflos. Seine Demut zeugt von Kraft und Erlösungswillen. Zuletzt unterwarf sich Jesus selbst in den Stunden größter Angst und Qual dem himmlischen Vater („Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“) und ließ im vielleicht größten Akt der Demut zu, dass er ans Kreuz geschlagen wurde.
Ein Sprichwort sagt: "Willst du den wahren Charakter eines Menschen sehen, dann gib ihm Macht!“ In Momenten, in denen man etwas zu sagen hat, in dem man das letzte Wort haben kann, ist die Versuchung groß, sich selbst groß zu fühlen und zu machen. Unser Erlöser Jesus Christus zeigt uns, wie man richtig mit Macht umgeht: Man stellt sie in den Dienst des Guten.
Mit den Worten „Es ist vollbracht!“ (Johannes 19, 30) verkündet Jesus, dass seine gelebte Demut die Welt erlöst hat. Soweit braucht unsere Demut uns nicht tragen, aber die Frage muss erlaubt sein, ob wir durch unsere Demut nicht auch ein bisschen Erlösung für unseren Nächsten schaffen können? Lasst es uns doch einmal ausprobieren.
Neuapostolische Kirche